Das Gründach der Antike – die Geschichte des flachen Daches

Geschichtlichen Überlieferungen zufolge wurden bereits um 900 v. Chr. die ersten Dachbegrünungen im Vorderen Orient angelegt. Im 6. Jahrhundert . v. Chr. entstanden die hängenden Gärten der Semiramis, die als eines der sieben Weltwunder der Antike gelten. Diese prächtige Anlage über Teilen des Palastes von Babylon ruhte auf einer Säulenkonstruktion und stieg treppenförmig an. Die Gärten wurden über ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem (archimedische Schraube) direkt durch den Euphrat gespeist. Die damalige Abdichtung bestand aus Schichten von Asphaltplatten, Backsteinen und Mörtel. Die Bepflanzung war üppig intensiv, Bäume und Früchte symbolisierten den Garten Eden.

Unter dem orientalischen Einfluss gelangte der Adonis-Kult in die griechisch-römische Welt und damit auch der Brauch, flache Dächer zu begrünen, möglicherweise als Folge hoher Grundstückspreise wurden Gärten römischer Villen „nach oben verlegt“. Dachgärten waren bei den Römern so beliebt, dass sogar Fischteiche auf Dächern und Balkonen angelegt wurden.

Über Jahrhunderte vergessen, gelangte die Gartenkultur der Antike zur Zeit der Renaissance zuerst nach Florenz, Rom und Venedig, um bald darauf auch andere europäische Zentren zu erreichen. Vorwiegend Dachflächen auf Schlössern verwandelten sich zu wunderbaren Dachanlagen. Erst zur Zeit des Barock erkannte in unseren Breiten der Bausachverständige Jakob Marperger (1656-1730) die Bedeutung von begrünten Dachflächen und trat in der Öffentlichkeit für diese Idee ein. Die Entwicklung des Holzzemtdaches im Jahr 1839 durch den schlesischen Böttchermeister Samuel Häusler erregte Aufmerksamkeit bei den Baumeistern, vor allem in Großstädten breitete sich das Flachdach rasch aus. 1867 empfahl der Berliner Maurermeister Carl Rabitz in seiner Broschüre „Naturdächer von vulkanischem Cement“ die Einführung des flachen Daches, nicht zuletzt wegen der Möglichkeit von darauf anzulegenden Gärten. Damit begann in Europa die eigentliche Entwicklungsgeschichte des Flachdaches.

Mit der Welle der Industrialisierung im 19. Jahrhundert galt es, neue Spannweiten über größere Flächeneinheiten zu überbrücken. Dies gelang mit Eisenbeton und Stahlskelettkonstruktionen. Die Entwicklung des flachen Daches passte sich an und setzte sich vor allem im Industriebau durch.

Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich in Europa einzelne avantgardistische Architekten mit der Formensprache des neuen Bauens. Der bekannteste unter ihnen war Le Corbusier. kaum ein anderer hat das Flachdach und dessen Nutzung als Wohnterrasse so entschieden propagiert. Beispiel dieser Entwicklung ist die 1927 entstandene Weißenhofsiedlung in Stuttgart, Demonstrationsobjekt des neuen Bauens im Wohnungsbau. Das ehemals für elitär gehaltene flache Dach wurde nun unter dem sozialen Anspruch des neuen Bauens in Form der Dachterrasse als Erweiterung des Wohnraumes entdeckt.

Le Corbusier: „Ist es nicht wahrhaft wider alle Logik, wenn eine ganze Stadtoberfläche ungenützt unter Zwiesprache der Schiefer mit den Sternen vorbehalten bleibt?“

Le Corbussier Entwürfe, 1920-1930

Mit Architekten wie Walter Gropius und Le Corbusier, die ohne Zweifel zu den einflussreichsten Architekten und Städteplanern des 20. Jahrhunderts zählen, wurde die Nutzung des flachen Daches populär. „Der Dachgarten wird zum bevorzugten Aufenthaltsort des Hauses und bedeutet den Wiedergewinn der ganzen bebauten Fläche“, schrieb Le Corbusier 1923 in seinen fünf Punkten zu einer neuen Architektur.

Bauhaus Dessau, Entwurf: Walter Gropius

In den 1950er Jahren setzte sich das flache Dach endgültig durch. Bei der Weltausstellung 1958 in Brüssel zeichnete sich der deutsche Pavillon der Architekten Eiermann/Ruf durch eine besondere Leichtigkeit aus. Aus dieser Zeit gibt es Flachdächer, die heute noch voll funktionsfähig sind.

Bis in die Mitte der 70er Jahre wurden überwiegend intensive und genutzte Dachbegrünungen auf Tiefgaragen, Unterführungen und Vorzeigeobjekten realisiert. Um Gründächer weiter zu verbreiten, mußte man zwangsläufig kostengünstigere Systeme entwickeln. So entstanden Anfang der 80er Jahre die ersten extensiven Dachbegrünungen, bei denen nicht die Nutzung, sondern der ökologische Gedanke im Mittelpunkt stand. In dieser Zeit entstanden auch technisch ausgereifte und zuverlässige Produkt- und Systemlösungen für das begrünte Dach.

Mit den „Grundsätzen für Dachbegrünungen“ wurden 1982 von der FLL (Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V.) die bau- und vegetationstechnischen Aspekte von intensiven Dachbegrünungen als erstes anerkanntes Regelwerk herausgegeben. 1984 folgte das „Untersuchungsverfahren zur Durchwurzelungsfestigkeit von Wurzelschutzbahnen“. Seit 1990 geben die „Richtlinien für die Planung, Ausführung und Pflege von Dachbegrünungen“ der FLL sowohl für intensive als auch für extensive Gründächer den Stand der Technik wieder.

Zur Materialauswahl für die Abdichtung unter Dachbegrünungen gibt es eine Empfehlung der Forschungsinitiative Zukunft Bau Wecobis unter Beteiligung des Bundesministeriums für Umwelt und der bayerischen Architektenkammer:  Polymerbitumen-Dichtungsbahnen, die als oberste Lage bei begrünten Flachdächern verwendet werden, müssen, wenn ein Eindringen der Wurzel verhindert werden soll, mit durchwurzelungshemmenden Stoffen (Bioziden) ausgerüstet sein. Diese können zu Emissionen der eingesetzten Herbizide wie Mecoprop im Dachabwasser führen. Als Alternative sollten Produkte auf EPDM-Basis … erwogen werden, die keine Biozide enthalten.

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